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Diese Seite zuletzt geändert am: 29.03.2015, 16:15

Bitte, lass den letzten Namen meinen sein!

Ich bin Julia Jobst, 12 Jahre alt, und gehe in die Klasse 6a. Ich möchte vom Vorausscheid Treptow des Vorlesewettbewerbs berichten, denn es war ein aufregender Tag. Der Vorlesewettbewerb für die 6. Klassen ist dieses Jahr zum ersten Mal an der Anna-Seghers-Schule ausgetragen worden. Der Wettbewerb startet in der Klasse und geht über Regionalwettbewerb bis hoch zum Bundeswettbewerb. Das ist auch mein Ziel. Doch nun erst einmal zum Vorausscheid Treptow…

Um 12 Uhr stehe ich vor dem Klassenraum der 6a. Es ist Mittwoch, der 11.03.2015, und damit auch der Tag der nächsten Runde des Vorlesewettbewerbs. Heute findet der Vorausscheid Treptow in der Stefan-Heym-Bibliothek statt. Es ist ruhig im Schulhaus, denn eigentlich haben die 1.bis 6.Klassen heute Arbeit zu Hause. Einige Lehrer sind streiken. Da kommt meine Klassenlehrerin Frau Ferl den Gang langgelaufen und schließt mir schon einmal den Raum auf. Ich setze mich auf meinen Platz. Obwohl es noch lange nicht so weit ist, habe ich Nervenflattern. Das geht schon seit zwei Tagen so. Ein letztes Mal mit einem Lehrer alles durchsprechen… Vor lauter Aufregung verhaspele ich mich schon beim dritten Satz der Buchvorstellung. Ich muss der Jury ein paar Sachen zum Buch und zur Autorin sagen, dann die grobe Handlung beschreiben. Im letzen Teil des freien Sprechens werde ich die Stelle, aus der ich vorlese, genauer beschreiben, um allen Zuhörern den Einstieg in den Text zu vereinfachen. Als nächstes und letztes kommt dann endlich das Vorlesen. Ich bin zwar gut für die Buchvorstellung vorbereitet, allerdings habe ich das Gefühl, als ob das Gegenteil der Fall wäre. "Ich muss dir leider noch etwas Trauriges mitteilen." erklärt Frau Ferl nach dem ersten misslungenen Durchlauf. Normalerweise übe ich mit Frau Jakimow, die aber leider seit Montag krank ist. Deswegen ist Frau Ferl für sie eingesprungen. Außer meiner Klassenlehrerin will noch jemand mit: Frau Schroth, meine Sportlehrerin. Vor kurzem hat sie uns auch in Naturwissenschaften übernommen und ist Klassenlehrerin der 6b, der Parallelklasse. Bitte, lass Frau Schroth nicht krank sein!, durchzuckte es mich. Doch genau das war der Fall. Nachdem Frau Ferl mir das gesagt hatte, war ich zwar etwas traurig, aber es macht nun einfach mal überhaupt gar keinen Sinn, wenn jemand krank drei Stunden auf einem Stuhl sitzt und sich nicht auf die Vorleser konzentrieren kann. Ich gehe mit Frau Ferl noch mal alles -einschließlich Tipps und Tricks- durch, was die Wirkung hat, dass ich noch aufgeregter als vorher bin. Dann lässt die Lehrerin mich allein im Raum. Knappe zwei Stunden noch, bis wir uns auf den Weg machen wollen. Hoffentlich Zeit genug, um sich selbst etwas zu beruhigen. Eigentlich muss ich zur Beruhigung rennen, turnen, radschlagen oder einen Handstand machen, bis ich davon einen roten Kopf bekomme. Aber ich darf nichts von alldem machen, weil ich zur Zeit an einen skistiefelartigen Schuh und zwei Krücken gefesselt bin. Blöder Unfall. Also versuche ich mich am Cup-Song von Anna Kendrick, gehe die Buchvorstellung noch gefühlte tausend Mal durch, lese im Englischbuch und spreche letztendlich Englisch mit der Luft, weil meine beste Freundin Trine nur Englisch spricht. Sie ist aber schon wieder in Dänemark, deswegen stelle ich mir einfach vor, sie stünde vor mir und würde mir aufmerksam zuhören. So gehe ich halbwegs beruhigt vor die Schule, um dort auf Frau Ferl zu warten. Dann machen wir uns auf den Weg zur Bibliothek, die ja nicht weit von der Schule entfernt ist. Als wir ankommen, ist noch fast alles leer, nur drei Konkurrenten sitzen schon -mit Begleitung- auf den Plätzen. Frau Ferl meldet mich an. Dann sitzen wir endlich auf den Stühlen und warten, bis alle Vorleser beisammen sind. Das dauert. Hier und da sehe ich bekannte Bücher, zum Beispiel Jules Vernes "Reise um die Erde in achtzig Tagen" oder Carola Wimmers "Ostwind-Zusammen sind wir stark". Bis auf das Buch von Jules Verne bin ich allein mit meiner Lektüre. Das Buch heißt "König des Windes" und wurde von Marguerite Henry geschrieben. Es ist schon alt; 1948 kam das Original in den USA heraus. Endlich wird eine kleine Begrüßungsrede gehalten. Die Jury wird vorgestellt. Dann wird eine Dose mit Zetteln herumgegeben. Lose, um genau zu sein, für die Reihenfolge. Ich sitze weit hinten, deswegen habe ich nicht viel Auswahl. Meine größte Befürchtung ist, die Nummer 1 zu ziehen. Aber ich habe Glück, sogar sehr großes Glück: Ich ziehe die Nummer 13 und bin damit als letztes dran. Das lässt mich dann etwas entspannen. Außerdem kann ich beobachten, wer für mich wirklich Konkurrenz ist und wer nicht. Im Laufe der Zeit werde ich immer angespannter. Alle sind gut, nur zwei fallen ein bisschen ab. Die größte Überraschung aber ist der einzige Junge. Er reißt das ganze Publikum mit. Jetzt fange ich ernsthaft an, darüber nachzudenken, was ich hier eigentlich gerade mache. Ob ich wirklich so gut bin. Gut genug für diesen Wettbewerb. Und dann werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Ich bin dran.

Zum ersten Mal klappt die Buchvorstellung perfekt, so, wie ich sie mir immer gedacht habe. Erleichtert schlage ich "König des Windes" auf. "Ruhig!", befehle ich mir. Ich beginne zu lesen. All die Tipps, die mir Frau Ferl gegeben hatte, schießen mir durch den Kopf. Langsam lesen, hochgucken, Pausen lassen, Ausdruck geben. Das alles gibt mir Sicherheit. Ich blende so gut wie jeden aus und konzentrierte mich. Achtung, das Stottern richtig lesen! Weiter im Text-wortwörtlich. Die letzte wörtliche Rede, dann der Schluss. Der letzte Teil muss gefühlvoll gelesen werden. Dann klappe ich das Buch zu. Alle applaudieren. Ich gehe zurück zu meinem Platz. Nachdem ich angefangen hatte zu sprechen, wurde ich zur Ruhe selbst. Das kenne ich von allen Shows, die ich im Zirkus schon mitgemacht habe. Vom Cabuwazi habe ich also auch etwas Bühnenerfahrung. Ich bin froh darüber. Ohne Pause geht es weiter zum Fremdtextlesen. Das Buch heißt "Medusien", von Martin Klein geschrieben. Dort haben einige Probleme. So manch ein Wort ist dann unbekannt, oder Satzschlusszeichen und Kommas werden einfach überlesen. Fremdtextlesen ist meine kleine Geheimwaffe. Darin bin ich fast besser als bei meinem Wahltext. Aber nun erst einmal zuhören. So kann ich mich dann, wenn ich weiterlesen soll, besser in den Text reinversetzen. Wieder ist der Junge sehr gut. Auch ein Mädchen, welches in der vorherigen Runde das Buch "Mia legt los" vorgestellt hatte, schlägt sich gut. Dann bin ich an der Reihe.

Ich möchte vorher noch einmal kurz erklären, worum es genau geht: Die Jury sucht ein Buch aus, welches möglichst von keinem der Vorleser gekannt wird. Der Erste fängt mit dem ersten Kapitel an. Nach einem bestimmten Abschnitt, den die Jury festlegt, hört der Leser auf. Der Zweite fängt dort an, wo der vorherige Leser aufgehört hat. So geht es dann weiter, bis alle durch sind.

Ich lasse mir noch einmal Anfang und Ende meines Absatzes zeigen. Dann beginne ich. Wieder lasse ich mir die Tricks durch den Kopf gehen, die ich bekommen habe. Es gibt ein paar etwas schwierigere Wörter, wie zum Beispiel Couchgarnitur oder Couchgarnitur-Kakteen. Zufrieden schließe ich ab und ernte erneut Applaus von den Zuschauern. Endlich gibt es eine Pause von circa 15 Minuten. Alle stürzen zu Getränken und Knabbereien. Ich gehe mit Frau Ferl ein Stück den Gang lang. Die Stühle sind auf Dauer ziemlich hart. Dann werden alle zurück in den Raum gebeten. Siegerehrung.

Die Spannung im Raum ist spürbar. Ein Teil der Jury kommt mit einem Stapel Bücher aus einem Nebenzimmer. Darauf liegen Urkunden in Blau. Das sind die Teilnehmerurkunden. Jeder von uns Vorlesern bekommt ein Buch und eine Urkunde. "Australien? Australien!" steht auf dem Buchumschlag. Ich finde, es klingt lustig. Nun wird es noch mal richtig spannend. Vorn steht die Bibliothekarin und Leiterin der Bibliothek im Baumschulenweg. Sie hält die Eintrittskarten für den Ausscheid Treptow-Köpenick in der Hand: Die drei goldenen Siegerurkunden. Den dritten Platz belegt der Junge. Ich vergesse vor Aufregung sofort seinen Namen. Auf dem zweiten Platz ist ein Mädchen. Sie hat aus dem Roman "Zimtküsse" vorgelesen. Auch ihren Namen vergesse ich gleich wieder. Eine einzige Urkunde ist noch übrig. "Der erste Platz geht an…", beginnt die Bibliothekarin. Ich presse die Lippen zusammen und schließe kurz die Augen. "Bitte, lass den letzten Namen meinen sein!", flehe ich. "…Julia Jobst!" Wie in Trance stehe ich auf, nehme die Glückwünsche und die Urkunde entgegen. Erst jetzt verstehe ich: Ich habe gewonnen! Ich bin wirklich weiter! Ich bin beim Ausscheid Treptow-Köpenick!

 
 
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