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Diese Seite zuletzt geändert am: 30.07.2011, 14:11

Projekt Herausforderung des 7. Jahrgangs

Natur erleben - an eigene Grenzen gehen

Als sich meine junge Kollegin Vera Schroth gemeinsam mit mir Ende Juni mit Schülern des 7.Jahrgangs im Rahmen unseres Projektes "Herausforderung" ins Brandenburger Land aufmachte, waren wir uns nicht ganz sicher, ob alle die anspruchsvoll geplantenTage von Dienstag bis Freitag durchhalten werden. Zu unterschiedlich waren die körperlichen und auch - trotz entsprechender Vorbereitung - die materiellen Voraussetzungen. Der mentale Ansatz war jedoch durchaus positiv. Alle hatten sich ganz bewusst für das Projekt "Natur erleben - an eigene Grenzen gehen" entschieden.

Am Dienstagmorgen ging es nach einem letzten Fahrradcheck kurz nach 9 Uhr endlich los.

Zur Einstimmung wurde der Müggelsee umrundet und alle mussten sich das erste Mal quälen, als schwer bepackt die Müggelberge erklommen wurden. Über Gosen und Neu Zittau fuhren wir auf gut befahrbarer Strecke weiter Richtung Hartmannsdorf. Naturhighlight war auf diesem Abschnitt die Beobachtungsmöglichkeit von Fischadlern - somit war zwischendurch auch für die nötige Pause gesorgt. Einige hatten schon zu diesem Zeitpunkt ein Leistungspensum hinter sich gebracht, wie sie es zuvor am Stück noch nicht erreicht hatten. Als wir dann über sportliche Umwege in Hangelsberg angekommen waren, füllten wir im einzigen wirklichen Laden unseren Proviant auf und wurden danach von Förster Guido Weichert in der Waldschule erwartet. 67 km lagen hinter uns, als wir am Lagerfeuer oder schon im Schlafsack auf der Isomatte den Tag ausklingen ließen. Für alle Fälle war für die kürzeste Nacht des Jahres eine stündlich wechselnde Wache eingeteilt. Vom Vogelgezwitscher wie in den Tropen geweckt, war die Schlafenszeit für einige recht schnell vorbei und schon 6.30 Uhr konnte das Frühstückskommando im besagten Laden die Wunschzettel der Gruppe abarbeiten.

Bei schönstem Wetter wurde gegen Sieben gefrühstückt, ehe es danach mit Herrn Weichert auf eine zweistündige abwechslungsreiche Waldexkursion ging. Im Anschluss wurden wieder alle Sachen gepackt und auf den Rädern verstaut. Ein glücklicher Umstand war, dass wir auf dem Grundstück des Försters zwischenparken durften, um uns nur mit wenig Gepäck auf eine Paddeltour auf die Spree zu begeben. Da gab es recht kuriose Fortbewegungsvarianten, manche reizten die Flussbreite vollständig aus. Die Canadier waren für einige nicht nur schwierig zu steuern, sondern auch nur problematisch über der Wasseroberfläche zu halten. Eine Besatzung konnte aufgrund einer gleichzeitigen Bewegung in eine Richtung das Kentern nicht vermeiden. Durch den beherzten Einsatz unserer Referendarin Vera Schroth wurde ein leicht schockierter Schüler heil an Land gebracht.

Dank Herrn Weichert, der nach einem Telefonat kurze Zeit später mit seinem Jeep an die Uferstraße kam, konnten die drei etwas Unterkühlten bei ihm zu Hause eine warme Dusche genießen. Den abgesoffenen Canadier an Land zu bekommen, um ihn wieder fahrtauglich zu machen, dauerte auch noch einige Minuten. Nachdem die Boote gesäubert in Hangelsberg wieder zurückgegeben waren, setzten wir unser Projekt mit einer insgesamt ca. 15 km langen Wanderung fort. Vollständig mit der ganzen Gruppe, denn auch der aus der Spree Gerettete war wieder fit. Für Interessierte gab es unterwegs einige biologische und geografische Informationen wie z. B. über essbare Pflanzen, Trinkwasseraufbereitung und Orientierung.

Da die eigenen Nahrungsressourcen begrenzt oder verbraucht waren - das mit den Pflanzen haben wir nicht wirklich ausprobiert - war es wichtig, spätestens kurz vor 18 Uhr wieder in Hangelsberg zurück zu sein. Etwas ausgemergelt ließen sich dann auch alle gleich nach dem Einkauf vor dem

dem Laden nieder, um ein unkonventionelles Abendessen zu sich zu nehmen. Mit aufgefüllten Energiereserven wurden dann beim Förster die Räder wieder bepackt um die letzten 10 km des Tages bis zur Übernachtungsstelle in Angriff zu nehmen. In den Nachrichten hatten wir schon gehört, dass Gewitter mit heftigem Regen aufziehen sollten. Einige besorgte Eltern hatten ihre Lieben auch schon angerufen und Eventualitäten abgesprochen. Pünktlich nachdem alle startklar waren begann es zu regnen und in der Ferne war das Donnern des heranziehenden Gewitters schon zu hören. Der größte Teil der Gruppe fand bei der Freiwilligen Feuerwehr Unterschlupf, der Rest hatte wiederum Privatasyl bei Förster Weichert. Übrigens, einer der diensthabenden Bereitschaft bei der Feuerwehr war sein Sohn, gemeinsam mit einer jungen Kollegin. Zum Glück waren wir nicht losgefahren, denn es ging gewitter-, wind- und regenmäßig wenige Minuten später richtig zur Sache.

Gegen 20.30 Uhr konnten wir uns dann doch noch auf den Weg machen - Herrn Weichert und die Hangelsberger Feuerwehr in bester Erinnerung behaltend. Die Schüler bezüglich der nächsten Übernachtungsmöglichkeit absichtlich etwas im Ungewissen lassend, ging es über pfützenreiche und matschige Waldwege nach Kagel-Finkenstein. Hier kamen wir unter freiem Himmel auf dem Grundstück meiner Schwiegereltern unter, die sich bezüglich der Bewirtung der Gruppe sehr zurückhalten mussten. Denn es war Eigenorganisation angesagt.

Es war eine ruhige Nacht unter Kiefern ohne Regen und als bei Sonnenschein am nächsten Morgen gegen 7 Uhr Zeit zum Aufstehen war, lagen alle außer mir, den schon mitunter die senile Bettflucht plagt, noch eingekuschelt in ihren Schlafsäcken. Einige wären in Anbetracht der vor ihnen liegenden 100 km Radtour vielleicht auch lieber liegengeblieben. Doch das bleibt nur eine boshafte Vermutung meinerseits, denn kurz nach 8 Uhr war die ganze Gruppe wieder startklar. Einige Jungs hatten schon zuvor die versandeten Bremsen und Ketten mit dem Gartenschlauch abgespült und letztere danach wieder eingefettet. Eine willkommene Überraschung war dann, dass ein Großteil des Gepäcks stehenbleiben konnte und erst für die letzten ca. 20 km wieder aus Kagel-Finkenstein abgeholt werden sollte. Nach einer Pannenreparatur wurde am Waldladen gefrühstückt und entsprechend gestärkt ging es kurz nach 9 Uhr auf die Mammuttour. Ziel war vorerst Buckow. Mit regelmäßigen Pausen, Rückenwind und guter Grundstimmung erreichten wir die Perle der Märkischen Schweiz am späten Vormittag. Hier war Zeit zum Ausruhen und zum Proviant auffüllen. Das war auch nötig, denn nun warteten die Hügel der Eiszeit auf uns. In Buckow ging es recht steil bergan immer dem Europäischen Fernradweg R 1 folgend. Und wo es bergauf geht, geht es meistens wieder bergab. Das war angenehm, aber für die Meisten immer viel zu schnell vorbei. Spätestens in den Buckower Bergen kam der Großteil an seine körperlichen Grenzen, da war es dann schon mal legitim abzusteigen oder auch immer mal wieder ein Stück geschoben zu werden. Als bei Obersdorf die 40 km-Marke erreicht war, gab es eine kurze Teambesprechung. Zur Debatte stand: Zurückfahren auf einem bekannten Weg mit meist gutem Zustand oder weiter auf einem unbekannten Weg, sowohl bezüglich der genauen Entfernung als auch der Streckenbeschaffenheit. Einstimmig fiel die Entscheidung für das Weiterfahren aus. Nun packte uns die steife Windbriese von vorn und auch die Hügel wollten kein Ende nehmen - die Abstände zwischen den Pausen wurden kürzer. Bei ungefähr 65 Kilometern verabschiedete sich ein Fahrradbilligimport aus China leider gänzlich. Nur mit Glück und Gewalt fand die zuvor schon gewechselte deutsche Pedale einen neuen Gewindeweg in den ausgeleierten Pedalarm. An den Billigfahrrädern aus den Baumärkten und Supermarktketten ist alles dran bis hin zur Scheibenbremse. Sie halten jedoch an bestimmten Stellen keine 200 km durch und sind außerdem für den Benutzer ein Sicherheitsrisiko.

Kurze Zeit später trat eine erneute Reifenpanne auf, die von Leon, unserem Chefmechaniker, umgehend behoben wurde. Für Abwechslung sorgte in der Zeit ein jagender Milan, der sich der Gruppe bei seinem Beutezug bis auf wenige Meter näherte und so super beobachtet werden konnte.

Die folgenden Kilometer hatten es wahrlich in sich. Uraltes Kopfsteinpflaster ohne die Möglichkeit am Rand zu fahren wechselte mit Waldwegen, die kurz zuvor von Forstfahrzeugen zerfurcht wurden.

Da riss dann schon langsam bei dem einen oder anderen der Gedulds- bzw. Durchhaltefaden.

Jedes Mal, wenn wir im Wald stehen blieben, fielen "Zecken" mit Flügeln von den Bäumen (so wurden die lästigen Tierchen jedenfalls benannt), so dass wir uns wie auf der Flucht fühlten. Endlich, nach für einige gefühlte 20 km, lag da kurz vor der deutschen Trainingshochburg Kienbaum ein superglatter Asphaltweg vor uns. Alle konnten den jedoch nicht wirklich genießen. 75 km in den Beinen und auch noch woanders, da ging es wirklich in den Grenzbereich der Leistungsfähigkeit. Doch das Ende war nach mehr als 80 km noch nicht tatsächlich in Sicht, denn nach einer längeren Verschnaufpause in Kagel-Finkenstein wurde die Tour wieder mit sämtlichem Gepäck fortgesetzt. Kurz vor Schöneiche war bei langsam einbrechender Dunkelheit die magische Marke von 100 Kilometern erreicht. Eine Viertelstunde später gab es dann, von meiner lieben Frau vorbereitet, einen großen Topf Spaghetti mit entsprechenden Beilagen. Und wem diese Kohlenhydrate nicht ausreichten, der konnte zusätzlich am Kaminfeuer noch verschiedene Süßigkeiten (ganz ausnahmsweise :) zu sich nehmen. Auf einer großen Plane wurden im Garten wieder Isomatten und Schlafsäcke ausgebreitet und die Nachtruhe zog ganz schnell und fast von allein ein. Die Nacht brachte dann wieder Regen. Schlaftrunken zogen alle in die frei geräumte Garage um, um sofort weiterzuschlafen. Die Frühstücksrunde am nächsten Morgen nutzten wir für ein erstes kurzes Resümee - natürlich, wie Vieles andere auch, auf Video festgehalten. Bis Friedrichshagen war es dann ein Katzensprung, gegen 11 Uhr wurde die Gruppe der tapferen Siebtklässler nach einem abschließenden Gruppenfoto ins verdiente Wochenende entlassen. Schon allein die nüchternen Zahlen sprechen für sich: Von Dienstagfrüh bis Freitagvormittag wurden ca. 17 km gewandert, 6 km gepaddelt und 180 km per Fahrrad zurückgelegt. Ich finde, das war eine außergewöhnliche Leistung für eine wie gesagt sehr heterogene Gruppe 13jähriger Mädchen und Jungen. Und ich bin stolz darauf, dass wir (herzlichen Dank an meine Kollegin Vera Schroth) alle bis zum Schluss bei uns behalten haben. Da spielen die individuellen Tiefen kaum eine Rolle, wahrscheinlich auch deshalb, weil am Ende, ohne es wirklich zu bemerken, ein Wir-Gefühl entstanden war.

Zu guter Letzt möchte ich mich noch einmal ganz herzlich für die heutzutage nicht mehr selbstverständliche Unterstützung durch Forstoberinspektor Weichert und die Hangelsberger Freiwillige Feuerwehr bedanken. Ich werde diese Tage in guter Erinnerung behalten.

Jörg Holler

 
 
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